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EINE GESCHICHTE

Der alte Mann

Daniela Klampfer, Persönliches

1. November 2016

Diese Geschichte beruht auf einer wahren Begebenheit und passierte diesen Sommer. Heute erschien mir der richtige Tag, um sie zu teilen. Sie ist etwas länger, aber vielleicht magst du dir die Zeit nehmen! Here we go..

G estern ging einfach alles schief. Das war der schlimmste Reisetag, den ich je erlebt habe! Es begann alles um 5 Uhr morgens, als der Wecker läutete. Eine Stunde später standen wir gestresst aber pünktlich am Treffpunkt beim Torre, wo der Fahrer uns hätte abholen sollen. Eine halbe Stunde und einige wütende Telefonanrufe später stand er dann da – ganz offensichtlich nach einer durchzechten Partynacht. Wir waren sowieso schon spät dran und hatten Angst, unseren Flug zu verpassen. Dass wir heil am Flughafen ankamen, grenzt an ein Wunder – so wie der Typ gefahren ist! Aber immerhin, wir waren trotzdem pünktlich.. um dann festzustellen, dass der Flug verschoben wurde. Oh Ironie des Himmels!

Nach ewiger Warterei am Flughafen wurde er nochmals verschoben, ich musste zweimal meinen Anschlussbus stornieren und neu buchen, um ihn dann letztendlich trotzdem nicht zu erwischen. Außerdem flog der Pilot so, dass wir die 3 Stunden Grenze – ab der man Anrecht auf Kostenerstattung bei der Fluglinie hat – genau nicht überschritten. Und dann wurde es richtig anstrengend.. ich will gar nicht in die Details gehen, was am Münchner Flughafen alles schief ging.

Ich fuhr schließlich mit der S-Bahn zum Ostbahnhof, wo ich erstmals ganz zerstreut und erschöpft eine Dreiviertelstunde wartete.. um dann einfach den Zug zu verpassen!! Wie das genau geschah, kann ich euch auch nicht sagen.. ich denke, der Tag war einfach verflucht. Ich musste dann nochmal fast eine Stunde warten, in der Kälte, mit Sonnenhut und Jeansjacke, ohne WLAN, dafür mit viel Süßkram.. einfach der Horror.

Wenigstens erreichte ich irgendwann meine Mutter und sie versprach mir, dass sie mich in Salzburg vom Bahnhof abholen würden. Immerhin, ein Lichtblick! Anschließend vergrub ich mich in mein Buch, tauchte ein in eine andere Welt und überstand so die restliche Heimreise. Irgendwann um halb 8 am Abend war ich daheim. Soviel mal dazu!

Im Zug

Aber der eigentliche Grund, warum ich davon erzähle ist ein anderer.. im Zug saß mir jemand gegenüber, der all die Qualen, von denen ich dir gerade erzählt habe, relativierte. Ich hatte beim Einsteigen in den überfüllten Zug die Wahl zwischen einem jungen, aufgeweckten Backpacker-Päärchen und zwei in sich versunkenen, älteren Typen.. ich wählte letztere. Ich wollte meine Ruhe! Der alte Mann, der mir gegenüber saß, begann jedoch bald meine Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Er hatte intensive Augen und war vom Leben gezeichnet. Ich kann gar nicht recht beschreiben, wie er aussah. Bestimmt würde er in einer Menschenmenge gar nicht auffallen, aber bei genauem Betrachten war er wirklich besonders.

Wie alt er wohl sein mochte? Er wirkte abwesend und etwas hilflos, ich fragte mich wohin er wohl fahren würde und was er alleine auf Reisen tat. Ob man mit ihm reden oder ihm helfen konnte? Aber ich vergrub mich weiter in mein Buch.. bis jemand im Gang vorbeiwollte und ich meinen Koffer etwas zur Seite schob. Die Person war ebenfalls schon älter und unterhielt sich ein wenig mit den Gästen hinter uns, wollte dann wieder vorbei, überlegte es sich aber doch anders und ging nochmal nach hinten. Jedesmal versuchte ich hilfsbereit ein wenig meinen Koffer zur Seite zu drücken. Da fing mein Gegenüber plötzlich an zu singen „Einmal hin, einmal her, ringsherum das ist nicht schwer” und lachte.

Damit hätte ich nun wirklich nicht gerechnet! Dieses jugendliche Verhalten passte so gar nicht zu dem eingefallenen Greis. Ich lächelte ihn an und er meinte in Richtung der Person die vorbeigegangen war: “Ach, der ist doch noch gut bei Fuß, der hüpft schon vorbei.” Ich ließ meinen Koffer los – er hatte recht. Ich tat das nur aus guter Manier, in Wirklichkeit brachte es sowieso nichts den Koffer einen Zentimenter vor oder zurück zu schieben. Der alte Mann begann nun einfach, darauf los zu erzählen. Er sprach viel zu laut, sodass alle im Abteil es hörten und von Dingen, die scheinbar keinen interessierten. Kurz dachte ich, er wäre vielleicht dement oder etwas von der Rolle. Später fand ich heraus, dass er schwerhörig war und geistig hellwach!

Wir hielten in einem Ort und er meinte, dass er bereits 1927 zum ersten Mal hier war. Immer wenn wir irgendwo vorbeikamen, fiel ihm etwas dazu ein. Ziegen, damals hatten sie auch Ziegen. Oh, diese Häuser.. solche würden heute gar nicht mehr gebaut. Teilweise verstand ich ihn nicht. Oft wollte ich etwas antworten, hatte aber das Gefühl, dass auch er mich nicht richtig verstehen würde. Außerdem hätte es jeder gehört.. irgendwie war mir das unangenehm. Also lächelte ich ihn weiter an und gab ihm so zu verstehen, dass ich ihm aufmerksam zuhörte. Denn meine Sitznachbarn taten einfach so, als haben sie nichts gehört und schauten zum Fenster hinaus. Trotzdem wandte er sich bei seinen Erzählungen immer wieder auch nach links und rechts und man hatte das Gefühl, er spreche zu allen, die es (nicht) hören wollten.

Und dann begann er vom Krieg zu erzählen.. wo er stationiert war, wie er sich verletzt hatte und dann in ein Lazarett gebracht wurde. Damals war er gerade mal 20 Jahre alt! Jünger als ich es jetzt bin. Er zog seinen Ärmel hoch und zeigte mir seinen Arm, der ganz blau war und offensichtlich von Metallschienen zusammengehalten wurde. Ich war gebannt.. und wurde ernst. Der regnerische Tag und das düstere Buch das ich gerade las taten ihr übriges.

Mit jedem Kilometer Fahrt nahm auch meine Achtung für diesen Menschen zu! Seine fast schon grotesk buschigen Augenbrauen und die tiefen Augenringe taten der Schönheit der glasklaren, tiefblauen Augen keinen Abbruch. Seine Haut war ungewöhnlich glatt und glänzend, obwohl sein Gesicht von vielen Falten durchzogen war. Das Haar war strahlend weiß und ebenso buschig wie die Augenbrauen. Schließlich sagte er mir, er sei 92 Jahre alt.

Mein Gott! Dabei wirkte er noch so jugendlich. Sein Geist war hellwach und bei Weitem nicht so gealtert wie der Körper. Allmählich leerte sich das Abteil und ich begann mich besser mit ihm zu unterhalten. Das Buch legte ich beiseite und fand heraus, dass er wie ich bis nach Salzburg fahren würde. Von dort nahm er ein Taxi nach Berchtesgarden in die Berge, wo er schon fast 70 mal in seinem Leben war. Schließlich sei er ja schon seit 1976 in Pension! Und wohnen täte er in Essen. Seit über 6 Stunden war er nun schon im Zug unterwegs. Ich empfand es immer mehr als Ehre, ihm gegenüber zu sitzen.

Er erzählt mir, er sei zweimal verwittwert. Die erste Frau starb an Krebs, die zweite war viele Jahre jünger als er und starb dennoch, ganz überraschend, vor ihm. Dabei hob er nur hilflos die Arme und lachte sein.. ich kann sein Lachen nicht richtig beschreiben. Erst dachte ich es sei das Lachen eines verrückten Menschen, der über schreckliche Dinge aus Verbitterung lacht. Aber es lag keine Verbitterung in seinen Worten. Ich spürte bei ihm einfach eine große Seele, die schon viel miterlebt und gelernt hatte, zu akzeptieren. Ich wurde ganz ehrfürchtig in seiner Gegenwart. So wie vor einem riesigen Baum der hunderte Jahre alt ist, oder einem uralten Haus. Ich segnete ihn still und sprach ein kurzes Gebet zu Gott, dass es ihm in seinen alten Tagen gut gehen und er in Frieden leben möge.

Irgendwann kamen wir in Salzburg an, Hilfe mit seinem Koffer wollte er nicht, obwohl dieser wirklich groß und schwer war. Trotzdem hob ich ihn dann aus dem Zug und sah schon meine Eltern, die auf mich zukamen. Es blieb nicht viel Zeit zum Verabschieden, ich winkte ihm nur zu und sah ihm nochmal dankbar in die Augen. Er lächelte mich an und ich kam wieder in “meiner” Welt an. Ich hätte ihm gerne die Hand geschüttelt. Beim Verlassen des Bahnhofs sah ich ihn nochmal hinter mir. Er würde schon gut ankommen.

Erst am Abend wurde ich mir wirklich darüber klar, wie besonders diese Begegnung gewesen war. Mein eigener Opa war gerade erste die Woche davor gestorben! Und ich denke, dass ich mich noch nie mit einem so alten Menschen unterhalten hatte. Wo findet man denn auch im Alltag noch die Gelegenheit dazu? Der Tag konnte verflixt sein wie er wollte, allein diese Begegnung war es irgendwie wert. Wie ich so oft sage.. man weiß nie, wozu etwas gut ist!

Ich wünsche mir von Herzen, dass es noch Menschen in seinem Leben gibt, die ihn schätzen. Kinder, die wissen was sie an ihm haben und Enkel, die seinen Geschichten lauschen und von seiner Lebenserfahrung lernen. Für den Fall aber, dass es diese Menschen nicht gibt, wollte ich meine Begegnung mit ihm aufschreiben und diese Erfahrung teilen. Sodass zumindest meine Wahrnehmung von ihm verewigt ist und seine Seele auf diesem Wege vielleicht ein paar andere berührt. Ich bin etwas traurig, dass ich nicht nach seinem Namen gefragt habe und ihn wohl nie wieder sehen werde. Andererseits.. ich habe das Gefühl, es würde gar kein Name zu ihm passen! Denn ich denke, ich bin dem Namenlosen begegnet.

Sat Nam

Man in London

 

Dieses Foto zeigt nicht den alten Herrn,
ich habe es vor Jahren einmal in London aufgenommen.

„Alter, du bist nicht alt an Jahren, blühend aber ist dein Geist.’’ – Gotthold Ephraim Lessing

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